Perspektivwechsel
Wie kann Gott das zulassen?
Nach einer Statistik der Vereinten Nationen 1 leidet jeder elfte Mensch auf der Erde unter chronischem Hunger. Das bedeutet: Er bekommt zu wenige Nahrung, um langfristig zu überleben. Jeder elfte Mensch steht morgens hungrig auf, und wird abends hungrig einschlafen. Ohne die Chance, sich jemals richtig satt zu essen.
Dann die Kriege in Israel, im Gazastreifen, der Ukraine, und in vielen anderen Ländern der Welt. Mit all dem Leid, das diese Auseinandersetzungen für die Bevölkerung mit sich bringen.

Den Hunger in der Welt zu besiegen und die Kriege zu beenden, das ist eine fast unvorstellbar große Aufgabe. Zugleich gibt es viele andere Baustellen, die ebenso unlösbar scheinen: die Natur gerät zusehends aus dem Gleichgewicht; in immer mehr Staaten wird rechtes oder faschistisches Gedankengut populär. Die Zahl an Diktaturen nimmt zu, Menschenrechte sind immer schwerer zu verteidigen. Und die vorhandenen Nahrungsmittel werden von manchen Regimen als politische Druckmittel eingesetzt. Große Mengen an Lebensmitteln werden vernichtet, um mit dem Leid der Verhungernden auf andere Staaten Druck auszuüben.
Das ist die Situation, in der wir leben. Wir können es jeden Tag in den Nachrichten sehen.
Mich treibt das um. Es kann doch nicht sein, dass die Welt vor die Hunde geht, und dass es bei Gott keine Lösung gibt. Schließlich glauben wir Christen an einen Gott, von dem die Bibel sagt, dass er die Liebe ist. Aber wenn das stimmt: Wie kann er dann so viel Leid zulassen?
Diese Frage ist nicht neu. Schon in der Antike 2 haben Menschen sich mit ihr auseinandergesetzt. Es ist die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes oder der Rechtfertigung Gottes: Wie kann ein Gott, den wir als gut bezeichnen, Leid in der Welt zulassen?3 Philosophen und Theologen haben immer wieder vergeblich versucht, eine befriedigende Antwort zu finden. Karl Barth, von manchen als der wichtigste Theologe des 20. Jahrhunderts bezeichnet, kam zu dem Schluss: Für dieses Problem gibt es keine Lösung.
Selbst Jesus fand keine Antwort auf diese Frage. Am Ende war er ganz allein, verlassen von seinem Gott.
Verlassen von Gott? Vielleicht sagt unsere Theologie, dass das nicht sein kann. Aber zumindest Jesus hat das so empfunden. Seine letzten Worte vor dem Tod waren:
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Mk. 15, 34; NG)
Anders gefragt
So bleibt die Frage also unbeantwortet, warum Gott all das Leid zulässt. Aber ich frage mich immer öfter: Könnte es sein, dass wir die Frage falsch stellen? Dass es einfach nicht die richtige Frage ist?
Wenn Gott die Liebe ist: Fragt Gott vielleicht uns: “Warum lasst ihr das zu?”
- Warum ist euch billiges Erdgas aus Russland oder Erdöl aus den arabischen Ländern wichtiger als Menschenleben?
- Warum ist euch euer Wohlstand wichtiger als Menschen, die am Verhungern sind?
- Wie kann es euch egal sein, dass in armen Ländern siebenjährige Kinder in Minen schuften müssen, damit es genügend Rohstoffe für eure Handys gibt? 4
Vielleicht sagt Gott:
- Ich habe euch alles gegeben, damit ihr alle ein lebenswertes Leben haben könnt.
- Warum setzt ihr das nicht ein, sondern hortet es und verbraucht es für euch selbst?
Kann es sein, dass Gott die Situation in Israel und in der Ukraine und der ganzen Welt ganz anders sieht als wir?
- Wenn Gott die Liebe ist, muss es Ihm das Herz zerreißen zu sehen, wie Seine Kinder einander quälen.
- Wenn Er die Liebe ist, muss es Ihm unendlich weh tun zu sehen, dass wir all das zulassen.
Ich glaube, die Frage ist nicht: “Wie kann Gott das zulassen”, sondern eher: “Wie können wir das zulassen?” Und: “Was können wir anders machen? Was können wir ausrichten gegen das Leid in der Welt?”
Aber was tun?
Vielleicht ist es ein Anfang, ganz konkret zu fragen: “Was kann ich heute tun? Wo habe ich heute die Möglichkeit, einen noch so kleinen Impuls in Richtung Frieden zu setzen?”

Auch das größte Unglück und Leid hatte irgendwann einen ganz kleinen Anfang.
Ein falsches Wort, eine unsensible Reaktion, eine egoistische Entscheidung. Selbst der Hass zwischen Völkern ist vor langer Zeit aus einem winzigen Samenkorn entstanden. Über Generationen ist diese Pflanze dann gewachsen, bis sie alle Achtung vor dem anderen und jedes Mitgefühl erstickt hatte.
Das ist entmutigend. Wie können wir Strukturen ändern, die über so lange Zeit gewachsen sind?
Aber vielleicht zeigt uns der Anfang der großen Konflikte auch deren Lösung.
Wenn ein winziger Impuls zu unüberwindbaren Konflikten führen kann - warum sollte der kleine Impuls, den wir im Gespräch mit unserem Nachbarn setzen, nicht die gleichen Auswirkungen haben? Die kleine Freundlichkeit, mit der wir einem Obdachlosen begegnen? Die zusätzlichen Minuten, die wir einem Kind schenken, um seine Fragen zu beantworten?
Vielleicht ist all das wie ein Stein, den wir ins Wasser werfen. So klein er auch ist: Er löst Wellen aus, die so viel größer sind als er selbst. Wir sollten die kleinen Dinge nicht unterschätzen, die wir tun können.
Jeder Mensch hat die Möglichkeit, Einfluss auszuüben. Und es liegt an jedem von uns, in welche Richtung wir ihn lenken.
Zur Reflektion:
- Vielleicht fällt mir jemand ein, dem ich heute etwas Gutes tun kann?
- Gibt es jemanden in meinem Umfeld, der allein ist, der ungerecht behandelt wird, oder der nicht genug zum Leben hat.
- Wo nehme ich Unfrieden wahr? Kann ich den Frieden fördern?
Wenn du bei diesen Fragen eine Idee bekommen hast, dann halte den Gedanken fest. Folge deiner Intuition. Wirf deinen kleinen Stein ins Wasser.
Und dann vertraue auf Gott.
Abbildungen:
- Aktuelle Kriege: Futuretrillionaire, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
- Regentropfen: Yara, auf Unsplash
Fußnoten:
-
Hunger: Verbreitung, Ursachen & Folgen - Welthungerhilfe ↩
-
Sehr deutlich hat z.B. Epikur (341-271 v.Chr.) diese Frage gestellt. ↩
-
In der Theologie wird dieses Problem die “Theodizee”-Frage genannt. ↩
-
Democratic Republic of Congo: “This is what we die for”: Human rights abuses in the Democratic Republic of the Congo power the global trade in cobalt - Amnesty International. ↩