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Vor einigen Jahren habe ich zum ersten Mal von der japanischen Kunst des Kintsugi gehört. Dabei werden zerbrochene Tongefäße wie Tassen, Schalen oder Krüge nicht weggeworfen, sondern auf beeindruckende Weise repariert und zu wertvollen, edlen Objekten gemacht.

Normalerweise neigen wir dazu, ein zerbrochenes Gefäß wegzuwerfen, da es für uns seinen Wert und seine Nützlichkeit verloren hat. Kaum jemand wird sich die Mühe machen, Kleber zu kaufen und die Scherben wieder zusammenzufügen. Wer möchte schon Tassen mit angeklebten Henkeln im Schrank haben? Selbst bei sorgfältigster Arbeit wird der Schaden immer sichtbar bleiben.

Kintsugi geht einen anderen Weg. Anstatt einen unsichtbaren Kleber zu verwenden, benutzt der Künstler eine goldene Paste. Die Brüche werden betont, statt sie zu verbergen. Die Geschichte des Gefäßes wird sichtbar gemacht. Ja: die unglückliche Geschichte wird zur Grundlage seines Wertes.

Ich sehe da Parallelen zu dem Umgang Jesu mit Menschen, die nicht glatt und perfekt waren. Zu Beginn seines Dienstes, in seiner Antrittsrede, sagt er:

Der Geist Gottes hat mich gesandt zu heilen, die zerbrochenen Herzens sind, und Zerschlagene in Freiheit zu setzen. (nach Lk. 4, 18-19)

Damit bezieht sich Jesus auf Texte, die Jahrhunderte vor ihm niedergeschrieben wurden. Immer wieder finden wir in den alten Schriften Bilder von Gott, die mich an Kintsugi-Künstler erinnern. Zum Beispiel:

Der HERR ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, deren Geist zerschlagen ist. (Ps. 34, 18)

Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind. (Ps. 147, 3)

Jesus hat diese Worte in seinem Leben verkörpert. Er sah seinen Auftrag darin, zerbrochene Menschen zu befreien und zu heilen. Er hat die gesehen, die am Rande der Gesellschaft lebten: die Verachteten, die Aussätzigen - die Zerbrochenen.

Jesus sah die Risse und Verletzungen in ihrem Leben. Aber anders als alle anderen verurteilte er diese Menschen nicht. Er setzte genau dort an, heilte, sprach sie von Schuld frei, stellte ihre Würde wieder her. Er beteiligte sich nicht an Schuldzuweisungen, im Gegenteil. Bevor er einen Blinden heilte, bei dem sich alle fragten, für welche Schuld seine Blindheit eine Strafe sei, sagte Jesus:

An diesem Mann soll sich die wunderbare Herrlichkeit Gottes zeigen! (Joh. 9, 3)

Jesus suchte nicht nach Schuldigen. Er brauchte keinen Sündenbock. Er heilte stattdessen.

Wenn wir so mit Menschen umgehen, die zerbrochen sind, entspricht das dem, wie Jesus gelebt hat. Er stellt Menschen wieder her, nicht indem er ihr Zerbrochen-Sein einfach wegzaubert. Er fügt die Bruchstücke wieder zusammen durch die Liebe, die Fürsorge, die Herrlichkeit Gottes. Durch diesen “goldenen Kleber” wird das Zerbrochene zu etwas viel Größerem, das die Herrlichkeit Gottes zeigt, ohne die Vergangenheit zu verleugnen.

Zum Nachdenken:

  • Sehe ich in meinem Leben vor allem das, was zerbrochen ist? Drehen sich meine Gedanken um Verluste und Enttäuschungen?

  • Kann ich in meinen Brüchen vielleicht das Handeln Gottes entdecken, seinen Schutz, seine Heilung?

  • Erkenne ich den ewigen Wert, den Gott mir gegeben hat, indem er diese Brüche integriert hat in mein neues Ich, das von den heilenden Spuren Gottes durchzogen ist?

  • Und wie ist es mit anderen Menschen? Fallen mir vor allem ihre Schwächen, ihr Versagen, ihre Unvollkommenheit auf?

  • Oder kann ich auch in ihrem Leben sehen, dass es von den Spuren Gottes durchzogen ist?